Das Monster sitzt im Kopf – Teil 1

Sonntag Abend, 20:48

Mensch, jetzt versuche ich schon wieder seit 3 Stunden mich an die Nacharbeiten vom diachron Modul zu begeben. Wozu bin ich gekommen? Zu nichts. Na toll – also entweder du legst nun los, oder du machst es morgen.. Aber du wolltest es doch schon gestern machen. Ein Tee wär cool und dann macht es auch gleich eine schönere Atmosphäre. 

In der Küche angekommen werfe ich dann gleich nochmal einen Blick in den Essensschrank. Hm, eigentlich wolltest du nach 19:30 ja nicht mehr essen, aber so ein paar Rosinen, die machen doch gar nichts. Ach und irgendwie hast du doch noch Hunger. Hast du dir nicht eben gesagt du isst heute Abend nichts mehr? Du willst doch jetzt abnehmen. Haha, ach ehrlich? Das willst du doch schon seit Jahren, aber kriegst es nicht auf die Kette, vor allem wenn es Hunger ist, dann ist es doch gut, dann iss doch noch was kleines. Kannst ja morgen mit deinen Regeln anfangen. 

Ich schau an mir runter, sehe meine Beine. Fuck, es ist schon zu spät, jetzt hab ich wieder gegessen aber fühle mich, als wäre es absolut nicht nötig gewesen. Mensch, diese qualligen Beine, wieso schlepp ich die denn ein Leben lang schon mit mir herum. Ohne sie wäre alles so viel einfacher. Dann würde ich mir sicher nicht den ganzen Tag Gedanken darum machen, was ich esse, was nicht und würde das erste Mal essen so lange wie möglich herauszögern. Jedes Wochenende das gleiche Spiel: Nächste Woche wird ALLES anders. Also gut, darauf noch ne Schüssel Quark.

Der ein oder andere Gedanke kommt Dir sicher bekannt vor. Ich kämpfe mit dieser Seite in mir zu jeder Sekunde. Manchmal ist die Stimme sehr sehr laut, manchmal etwas leiser. Was mich am meisten daran stört ist es, dass ich nicht mehr Fokussieren kann. Sie teilt meine Aufmerksamkeit, sodass alles, was ich mache, nichts ganzes und nichts halbes ist. Ich übe mich nun darin mal laut STOPP dahinein zu rufen, aber jeder, der das durchmacht weiß, an ein Stop zu denken… naja, ist manchmal unmöglich.

Mit der Welt in meinen Gedanken fing alles an. Ich hatte schon immer sehr viel Fantasie und war viel in meinem Kopf unterwegs, hab mir Szenarien und Welten kreiert. Habe in ihnen gelebt während ich in dieser Welt umherstreifte. Log wie gedruckt und wusste genau, wie ich bekomme was ich will. Diesen einen Moment in meiner Kindheit werde ich nie vergessen. Ich saß im Garten unseres ersten Hauses. Wir alle saßen dort, zu Kaffee und Kuchen. Ich hatte eine dieser super coolen langen Badehosen über meiner Bikini Hose an, weil ich meine Oberschenkel nicht zeigen wollte. Ich saß da, schaute an mir herunter. Sah auf meine Beine. Ich dachte: „Man, sind die dick. Alle anderen haben viel dünnere Oberschenkel. Das ist nicht normal. Ich will, dass sie weg sind. Diese Beine gehören nicht zu mir.“ Mich schockierte es so sehr, dass sie breiter wurden beim Sitzen und sich noch dazu sogar berührten.

Ich war 7 Jahre alt.

Alle Kinder liebten es ins Freibad zu gehen, liebten den Sommer, wenn es richtig heiß war. Liebten die Sommerferien, weil immer gutes warmes Wetter war. Man konnte zusammen über Rasensprenger hüpfen, süße Kleider tragen, Eis essen gehen. Es ist nicht so, dass ich das nicht liebte. Ich konnte nur alles halb so viel genießen. Ich hatte schließlich mein kleines Monster dabei, dass mir ständig erzählte, wenn ich noch ein Eis esse, dann werd ich dick. Ich esse sowieso schon so viel, wie mir mein Umfeld schnell zu sagen pflegte, sobald ich mich an den Leckereien vergriff, Süßigkeiten stahl oder meine Kinderpizza bereits alleine aufessen konnte. In meiner Vorstellung sah ich bereits aus, wie ein kleines Walross, wenn ich im Badeanzug mit den doofen T-Shirts (wegen meiner Sonnenallergie) im Freibad auf dem Sprungbrett stand. Es gucken mich doch sowieso alle an. Die denken sicher alle, oh die dicke Kleine will nun wirklich ins Wasser plumpsen.

Wenn ich mir heute Bilder von früher ansah, bereue ich diese Gedanken oft. Natürlich war ich auch oftmals das kleine freie kreative Mädchen, was ihr Kindlein sein genoss und in den Wäldern irgendwelche Dinge gebaut hat. Aber eben nicht immer. Und zwar immer weniger. Und all das völlig umsonst. Denn ich war niemals dick. Ich war nicht einmal pummelig, nein, das kam erst später. Ich war einfach ein ganz normales kleines Mädchen, mit einer hübschen langen blonden Mähne, mit diesen zauberhaften blauen Augen.

Heute fühle ich mich sehr sehr häufig noch, wie das kleine 7 jährige Mädchen von damals. Es hat mittlerweile auch noch viel schlimmere Phasen in den letzten Jahren gegeben. Zeiten, die ich nie wieder so erleben will.
Ich kann euch noch kein Rezept geben, wie ihr eine Bodyloveandrespectsuppe kochen könnt. Ich kann euch nur erzählen, wie es mir bisher ergangen ist und wie mein duschzeitiger Prozess aussieht. Denn es wird nie vorbei sein. Aber der Unterschied ist: Ich liebe mich mehr, als dass ich mich hasse. Ich liebe mein Leben, mehr als dass ich es nicht mehr will. Ich erfreue mich an meinem Körper, mehr als dass ich in nicht richtig behandeln möchte. Und eines kann ich euch sagen, es ist es wert. Jeder noch so minimalistischte Schritt. Er ist es wert, dafür gekämpft zu haben.

 

Was sind deine Erfahrungen mit dem Thema? Du darfst mir gern auch persönliche Nachrichten schreiben. Zusammen sind wir stark.

4 Gedanken zu “Das Monster sitzt im Kopf – Teil 1

  1. Oh wow.. ich bin eben gerade durch einen Kommentar auf deinen Blog gestoßen und ich bin absolut verliebt in ihn aufgrund deiner Ehrlichkeit..
    Ich kann mich sehr gut in dich hinein versetzen, auch wenn es mir als kleines Mädchen nie direkt so ging wie dir.
    Mir kommt dieser ständige Kampf mit sich selbst und das Schwanken zwischen Selbstliebe und Selbstekel so bekannt vor.. da habe ich noch so so so viel zu lernen.
    Vielen dank für diesen Blogbeitrag, du hast mich definitiv als neue Leserin dazu gewonnen

    Alles Liebe, Lea von http://leachristind.blogspot.com

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo liebe Lea, ich bin so happy, dass du den Weg hierher fandest. Wenn du noch mehr einsteigen willst mit mir komm gerne noch auf meinem Instagram Account dazu. Es gibt täglich kleine Denkanstöße und immer mal wieder Themen zum diskutieren. Es ist ein weit verbreitetes aber wenig angegangenes Thema. Unsere Erfahrung kann uns gemeinsam stark machen. Kuss, Anci

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